Festivalbericht: Graspop Metal Meeting 2008
…oder auch METAL IN YOUR EYEBALLS!
Was geschah: Die beste Freundin von allen, ihre Cousine, eine Arbeitskollegin und ich reisten per Zug an, wo uns gleich die Spießigkeit der Bahn auffiel: Ein Schild besagte, dass man hier keine Rocker dulde (siehe Photo).
Nach gut dreistündigen Bahnfahrt kamen wir in Dessel an, warteten über eine Stunde auf eine Rucksackkontrolle, bis wir den Zeltplatz betreten durften, suchten uns dort einen nette Stelle für zwei Zelte und ein Sonnensegel, tauschten unsere Karten gegen Armbändchen, stellten uns für Essenmarken an, betrachteten unbefriedigt die Möglichkeiten zur Nahrungsaufnahme auf dem Zeltplatz, tranken ein paar Bier und gingen schlafen.
Die nächsten drei Tage ließen wir uns ordentlich Schwermetall auf die Ohren pusten, standen wieder in diversen Warteschlangen, ärgerten uns über die Veranstalter und freuten uns über die großartigen Bands.
Montag Morgen fuhren wir viel zu früh wieder zurück nach Aachen, da ich davon ausging, um 12 Uhr Mittags arbeiten zu müssen.
Logistik: Vom Bahnhof in Mol holten uns direkt Shuttlebusse ab, die auch täglich zwischen Mol und Dessel verkehrten. Auch auf der Rückfahrt standen ausreichend Busse zur sofortigen Abfahrt bereit, und in Mol wurde ein (bitter nötiger) Sonderzug eingesetzt, um die Horden Schwarzgekleideter abzutransportieren.
Der Zeltplatz: Der Zeltplatz war eine von Bäumen gesäumte große Grasfläche, auf der dichtgedrängt unzählige Iglu-Zelte standen. Zutritt war nur über zwei große, flutlichtbeschienene Eingänge am vorderen und hinteren Ende möglich, wobei man stets davon ausgehen musste, eine Taschenkontrolle über sich ergehen zu lassen, da unter anderem Glasbehältnisse auf dem Campingplatz verboten waren. Außerdem war der Zeltplatz komplett eingezäunt, so dass an den Eingängen eigentlich nur dass Gusseiserne Schild “Metal macht frei” fehlte…
Davon abgesehen fanden wir einen logistisch ideal gelegenen Platz mit netten Nachbarn in unmittelbarer Nähe der gut gepflegten Wassertoiletten, von denen leider nur zu wenige vorhanden waren, des Dusch- und Waschzeltes und des Supermarktes (ja, Supermarkt). Zum Festivalgelände waren es fünfzehn Minuten Fußmarsch.
Das Festivalgelände: Das Festivalgelände war ein langer Schlauch, an dem Fress- und Saufbuden sowie die Bühnen aufgestellt waren. Die große Open-Air Hauptbühne befand sind am Ende des Geländes, des Weiteren gab es drei Zeltbühnen. Leider hörte man praktisch immer, während eine Band spielte, den Soundcheck der jeweils nächsten Bühne mit.
Teilweise waren die Durchgänge zwischen Buden und Zelten sehr eng, dafür gab es direkt gegenüber der Hauptbühne ein großes Areal mit Tischen und Bänken, wo man fast immer einen Platz ergattern konnte.
Ich empfand es als sehr seltsam, dass an den Eingängen zu den Zeltplätzen mit faschistoidem Eifer Taschenkontrollen durchgeführt wurden, beim Eintritt zum Festivalgelände allerdings meistens nur das Bändchen kontrolliert wurde.
Die Orga: Ich könnte mich hier über jede Menge Kleinigkeiten auslassen, die mir sauer aufgestoßen sind, aber letztendlich läuft es alles auf eine Feststellung hinaus: Dieses Festival war eindeutig mit Gewinnmaximierung im Kopf geplant worden. Annehmlichkeiten (von den Wassertoiletten mal abgesehen) für die Festivalgäste schienen weit im Hintergrund zu stehen.
Es bleiben eigentlich nur unsere Nachbarn vom Zeltplatz zu zitieren: “Seid ihr auch Wacken-verwöhnt?”
Essen und Trinken: Man musste an speziellen Stellen Essen- und Getränkemarken kaufen. Letztere gab es nur auf dem Festivalgelände, was zumindest am Freitag zu absurd langen Schlangen und Wartezeiten führte. Ich hatte mit einer Viertelstunde Anstehen wirklich Glück gehabt, den ganzen Tag über beobachteten wir die locker 200m lange Schlange vor einer der Verkaufsstellen, die von einer Seite des Geländes zum anderen reichte und dann noch einen Knick machte.
Das Essen war ziemlich mies, teuer und es gab wenig Auswahl. Fritten, lauwarme, sparsam belegte Pizza, ungewürzte Chinanudeln, frittierte Chickenwings (4 für 3€)… Lediglich der Stand mit belegten Baguettes und Obst erschien attraktiv, durfte uns aufgrund der absurden Preise aber nie als Kunde begrüßen.
Sehr kaltes Bier gab für 2,25€ den Viertelliter in instabilen Einmal-Plastikbechern, an einem Stand gab es auch einen halben Liter zum doppelten Preis in einem noch instabileren Becher. Für Festivalverhältnisse fairer Preis und durchaus trinkbar (Maes).
Der Hit war allerdings der Mini-Supermarkt von Carrefour Express auf dem Zeltplatz. Auch wenn man eine Weile anstehen musste, um hineingelassen zu werden (ja, wir haben viele Bananen-Witze gemacht, und ja, es gab Taschenkontrollen), gab es dort praktisch alles, was der Festivalgänger brauchte – zu normalen Supermarktpreisen. Von Klopapier zu Grillkohle über Wasser und Gleitmittel blieben keine Wünsche offen, nur kaltes Bier gab es leider nicht. Bei uns gab es jedenfalls jeden Morgen frisches Baguette zum Frühstück.
Die Metaller: Zusammengepfercht auf dem Zeltplatz tummelten sich verschiedenste Nationalitäten. Hauptsächlich Belgier und Niederländer, aber auch eine Menge Deutsche, Spanier, Engländer, Italiener und Franzosen – eigentlich war ganz Europa vertreten.
Es herrschte das übliche Festivalchaos, aber zum Schlafen hatten wir das bewährte Ohropax dabei. Gebrüllt wurden dieses Jahr hauptsächlich unverständliche französische oder flämische Worte, aber der Klassiker “Timmy” war auch dabei. Unsere Nachbarn brachten einem Spanier, den sie “Jogi” nannten, grundlegenes Deutsch bei: “If you go to the bar, you say Schnaps, if you go to the toilet, you say Stuhlgang.” Auf das Kommando “Scream for me, Jogi!” brüllte dieser dann entweder “Schnaaaps!” oder “Stuuuhlgaaang!”.
Großes Kino, nette Leute. Ich habe auch nicht mitbekommen, dass es irgendwo gewalttätige Auseinandersetzungen gab – auch wenn ich aufgrund einiger Vorkommnisse Lust dazu gehabt hätte: Grundsätzliche Regeln des Festivallebens wurden verletzt. Unseren Nachbarn und uns wurde jeweils ein Campingsstuhl geklaut, und irgendwer hatte die Heringe unseres Sonnensegels herausgezogen, um sein eigenes Zelt in den Weg zu bauen. So etwas tut man einfach nicht. Punkt. Sonst muss ich nächstes Mal Laserzäune und Autokanonen um das Zelt aufbauen (was, wenn man darüber nachdenkt, verdammt cool wäre).
Die Bands: Wie schon erwähnt, trieb die Setlist jedem Metaller Tränen der Rührung in die Augen. Da ich tippfaul bin, werde ich meinen geneigten Lesern eine Kritik zu jedem Konzert ersparen und mich auf Stichworte beschränken.
Highlights:
- Iron Maiden (die ich vorher nie live gesehen hatte, und deren zweistündige Show und unbändige Spielfreude mich echt vom Hocker gehauen hat)
- Moonspell
- Testament (die leider nur im Zelt spielten)
- Morbid Angel
- Sabaton (deren Lied “Ghost Division” ich wochenlang als Ohrwurm hatte, danke Kink Aardschok)
- My Dying Bride (noch düsterer und härter als auf CD)
- Immortal (die einfach zu knuffig sind, um sie zu verpassen)
- Soilwork (deren Sänger endlich Singen gelernt hat)
- In Flames (die wie immer absolut souverän spielten. Anders meinte, er wäre eigentlich nur hier, um Maiden zu sehen.)
- Iced Earth (die besser anstelle von Kiss Samstag Headliner hätten sein sollen)
- Behemoth
- At the Gates (deren Reunion wohl leider nur für diese Abschiedstournee stattfand – Wikipedia)
Alte Männer, die man mal gesehen haben muss:
- Tesla
- Def Leppard
- Whitesnake
- Judas Priest
- Kiss
- Rose Tattoo
Erwartete Enttäuschung:
Apocalyptica. Einstmals faszinierender Cello-Sound und musikalischer Ausdruck wurden in einfallslosen Schlagzeugsalven ertränkt. Zum Glück, oder leider, je nachdem, wie man es sehen will, hatte ich genau das erwartet.
Fazit: Großartige Konzerte in mittelmäßigen Ambiente unter miesen Rahmenbedingungen. Nächstes Jahr kaufe ich mir früher Wacken-Karten, die sind billiger, das Zelten macht mehr Spaß, und ich muss mein Bier nicht mit Spielgeld bezahlen. Wenn nur die Anfahrt nicht so lang wäre…

